• Home
  • Der Film
  • Team
  • Media

Patient als Beute

Der Streit um die Gesundheitsmilliarden

Media

20. August 2009 von simone

“Man wird als Patient ständig zur Beute”

Interview mit Martin Gronemeyer mehr ▼

Wie kam euch die Idee zu diesem Film?

Wir hatten selbst das Gefühl: Mit dem Gesundheitssystem stimmt etwas nicht. Wir konnten aber nicht ausmachen, was es eigentlich ist. Wir begannen unsere Recherchen ausgehend von Presseberichten über Probleme und Skandale im Gesundheitswesen. Erst allmählich erkannten wir: In einem solchen System hängt alles miteinander zusammen. Fast alle Pannen passieren, weil verschiedene Parteien ums Geld streiten. Wir möchten mit unserem Film eine Diskussion anstoßen. Und zeigen, wie intransparent das Gesundheitssystem eigentlich ist.

Die Privatisierungswelle, die ihr in „Patient als Beute“ schildert, scheint unaufhaltsam. Wohin wird das führen?

Wenn die Politik sich nicht zu großen Schritten durchringt, wird die öffentliche Gesundheitsversorgung immer weniger leistungsfähig werden. Gleichzeitig wird die Gesundheitsbranche insgesamt wachsen, und damit auch die Ungleichheiten.

Vor einem dokumentarischen Dreh weiß man nie genau, was auf einen zukommt. Welche Situationen sind dir besonders aufgefallen / was habt ihr bei den Dreharbeiten festgestellt / was hat dich beeindruckt?

Die Protestkultur in Frankreich, der Enthusiasmus mit dem die Leute auf die Straße gehen, wenn Ihnen etwas nicht passt. Eine solche Stimmung habe ich in Deutschland noch nicht erlebt.

Ihr schildert drastische Einzelschicksale. Hast du selbst einen Bezug zu Patienten, die zur „Beute“ wurden?

Man wird ja ständig zur Beute. Wie oft ist jeder von uns schon geröntgt worden, obwohl ein anderer Arzt bereits die gleichen Bilder gemacht hatte. Oder bei Vorsorge-Untersuchungen – wer kann da schon sicher abschätzen, welche Untersuchung nützlich ist und welche nur dem Umsatz einer Gesundheitsfirma dient?

Kann man sich überhaupt davor schützen, zur Beute, beziehungsweise zum Spielball von Pharmaindustrie und Ärzteschaft zu werden?

Follow the Money! Patienten sollten sich über Behandlungsmethoden informieren. Wie nützlich sind sie, wie werden sie abgerechnet? Skeptisch sollte man vor allem dann werden, wenn plötzlich viel Werbung für die Vorsorge oder Behandlung einer Krankheit gemacht wird, von der man bis vor Kurzem noch nie gehört hat. Ist die Gefahr hier wirklich so groß? Oder hat da nur ein Pharma-Konzern ein neues Geschäftsfeld entdeckt?

Frankreich und Deutschland haben zwei der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Wie sieht es in anderen Ländern aus? Sind euch Systeme begegnet, von denen einzelne Aspekte auch für unser System interessant wären?

Ein Problem in Deutschland und Frankreich ist, dass Ärzte nach der Menge der behandelten Krankheiten bezahlt werden. In Norwegen und England gibt es Ansätze, Ärzte nach der Menge gesunder Patienten in ihrem Einzugsbereich zu honorieren. Das ist deshalb sinnvoll, weil es einer unnötigen Aufblähung des Gesundheitssystems entgegenarbeitet, wie wir sie in Deutschland seit Jahren erleben.

Wie viel Material habt ihr gedreht?

Zu viel (lacht). Ich bedauere es sehr, dass wir das Material aus einigen Drehs nicht mehr im Film unterbringen konnten. Besonders schade ist, dass unser Interview mit dem Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen dem Schnitt zum Opfer gefallen ist. Peter Sawicki hat ein paar sehr wichtige Dinge gesagt. Leider war das für den Film dann zu sperrig. Aber ein Punkt war: Es ist nicht schlimm die Patienten zu verunsichern. Es ist sogar notwendig. Über viel zu viele Dinge im Gesundheitswesen weiß man viel zu wenig. Und die Pharma-Konzerne verschleiern das, um ihre Medikamentenverkäufe nicht zu gefährden. Ein mündiger Patient ist skeptisch und lässt sich von der PR und Werbung der Gesundheitsindustrie nicht zu sehr in Sicherheit wiegen.

Wird dich das Thema als Regisseur weiter beschäftigen?

In jedem Fall. Ich bin jetzt dermaßen sensibilisiert für Gesundheitsthemen, dass ich fast täglich neue Filmideen dazu habe.

Utopie eines perfekten Gesunheitssystems:

Gute Besserung, Deutschland!

Unser Gesundheitssystem ist teuer und ineffizient. Doch es gibt Ideen für eine andere, bessere

Versorgung der Patienten. Ein Zukunftsentwurf.
mehr ▼

(von Nicola Kuhrt/ Zeit Wissen 04- 09)
Im idealen Gesundheitssystem kooperieren Ärzte aller Fachrichtungen, Teamarbeit ist normal. Fachlicher Austausch geht schnell und unkompliziert, schließlich sind Krankenhäuser längst zu modernen Versorgungszentren geworden, wo auch Fachärzte ihre Praxen haben, ihre Patienten betreuen, aber auch Belegbetten haben und operieren können. Es gibt einheitliche Leitlinien, die die Arbeit der Ärzte vereinfachen – natürlich evidenzbasiert. Neue Methoden werden zudem evaluiert, die Auswertung führt zu einer stetigen Verbesserung der Behandlung. Der Hausarzt spielt eine stärkere Rolle. Als erster Ansprechpartner für den Patienten koordiniert er die weitere Behandlung. Seine Arbeit wird gerecht über Pauschalen honoriert. Ärzte auf dem Land oder in Problemregionen bekommen mehr Geld. Und auch für die Beratung der Patienten gibt es angemessene Honorare. Statt unspezifischer Bewegungs- und Ernährungsprogramme bieten die Krankenkassen zielgerichtete Kurse an, deren Nutzen belegt ist. Für die optimale Betreuung der Patienten stehen zusätzliche Ansprechpartner bereit: In Krankenhäusern betreuen spezielle Hausärzte jeden Einzelnen über die gesamte Zeit seines Aufenthalts. Das Bundesgesundheitsministerium ist abgeschafft. Stattdessen gibt es eine übergeordnete Instanz, die, unabhängig von wechseln den politischen Abhängigkeiten, die Strukturen im Gesundheitssystem bestimmt. Neue Versorgungsformen haben so die Chance, sich über einen längeren Zeitraum zu etablieren und bewertet zu werden. Die neue Instanz, eine Art Bundesgesundheitskonferenz, besteht aus Vertretern von Versicherungen, Ärzte- und Patientenverbänden, Politikern, Gesundheitsökonomen – und Ethikern und Soziologen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen ist zu einer echten Institution geworden, die genügend Mittel und Mitarbeiter zur Verfügung hat, um Therapien und Arzneimittel zu bewerten sowie Patienten und Ärzte gut zu informieren. Pharmakonzerne müssen vor der Zulassung von Medikamenten über deren Preis verhandeln. Es gibt unabhängige Informationen zu neuen Arzneimitteln. Der Einfluss der Firmen auf die medizinische Praxis wird genau kontrolliert. Probepackungen und Geschenke für Ärzte und Apotheker sind verboten. Lobbygruppen müssen sich bei einem Transparenz-Gremium anmelden und angeben, wo sie tätig sind. Die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenkasse ist abgeschafft. Natürlich können die bestehenden Kassen weiter am Markt agieren – aber alle zu denselben Bedingungen. Das Mehr an Wettbewerb nutzt denVersicherten. So sieht es also aus, das ideale System. Man wird ja mal träumen dürfen.

Fotogalerie

Impressionen aus dem Film





Kommentare deaktiviert

Comments are closed.

  • Trailer

Patient als Beute © 2010 Alle Rechte Vorbehalten.

MistyLook made free by Web Hosting Bluebook
Übersetzung von Fabian Künzel